Mittwoch, 23. November 2011

Tapetenwechsel

Per arbeitet für die schwedische Automarke Volvo. Er hat bereits einige Erfahrung mit den brasilianischen Fabriken des Konzerns gesammelt, der in Südamerika vor allem Omnibusse baut und den ganzen Kontinent beliefert. Momentan sei er aber privat auf dem Weg nach Brasilien, genauer gesagt nach Salvador da Bahía, unserem Anflugsziel. Um seine hübsche Freundin zu besuchen, die gerade ihre Abschlussarbeit schreibt.

Per ist Ende 40 und mein Sitznachbar im Flugzeug. Er ist außerdem ein sehr angenehmer Zeitgenosse. Mit einem Funkeln in den Augen erzählt er mir von seinen Zukunftsplänen. Nach dem Urlaub mit seiner Geliebten wird er in seine Heimat Schweden zurückkehren, um dort einen Vorstandsposten bei Volvo einzunehmen. Sobald er sich zur Ruhe gesetzt hat, will er einen Yachtverleih in Salvador aufmachen. Will Yachten kaufen und diese dann als Skipper an Touristen vermieten. Außerdem habe sein Sohn heute einen Einstufungstest als Pilot bei einer schwedischen Airline. Er sei sehr gespannt und hoffe auf das Beste. Durch einen guten Freund weiß ich zufällig, dass diese Auswahlprozesse sehr hart sind und oft nur geringe Chancen bestehen. Allerdings verschweige ich ihm dies. Ich möchte ihm seinen Urlaub nicht vermiesen.

Nach dem Landeanflug gehen wir gemeinsam an die Zollkontrolle und treffen auf Amanda. Sie ist blond, Anfang 30, hat Modelmaße, ist von Kopf bis Fuß tätowiert und erklärt ihrer dunkelhäutigen Tochter die bevorstehende Zollprozedur. Als sie Per und mich sieht, lächelt sie kurz auf. Wir kennen uns schon aus der Schlange in Frankfurt. Sie hat ebenso wie wir genug vom ca. 11-stündigen Flug und will einfach nur noch nach Hause. Sie wohnt hier allein mit ihrer Tochter. Sie pendeln beide zwischen Dänemark und Brasilien hin und her. Als Tätowiererin ist sie ständig auf internationalen Messen unterwegs. Ihre selbstsichere Art und ihre Geschichten lassen auf eine recht erfolgreiche Karriere schließen. Sie gibt uns beiden noch eine kurze Warnung, dass man hier auf jeden Fall katzbuckeln sollte, wenn man es mit der Regierung zu tun hat. Anders als in Westeuropa hätten die Beamten durchaus die Möglichkeit, einem das Leben durch Bürokratie zur Hölle zu machen, wenn man aufmucke. Danach verschwindet sie. Auch Per ist plötzlich weg.

Da bin ich also. Wieder allein auf weiter Flur in einem fremden Land mit bestenfalls durchschnittlichen Sprachkenntnissen. Es ist wieder da, dieses mulmige Gefühl der Unsicherheit. Ich bin komplett auf mich allein gestellt und kenne mich nicht aus. Nur mein Instinkt hilft mir jetzt. Doch gleichzeitig offeriert diese Realität auch unerschöpfliche Möglichkeiten.

Niemand kennt mich hier. Niemand weiß, wer ich bin, was ich mache oder wie ich ticke. Niemand kennt all die Fehler meiner Vergangenheit oder die Dinge, die ich bereits erreicht habe und auf die ich stolz bin. Die Uhr beginnt wieder bei Null. Die Karten werden neu gemischt. Ich bin wieder frei! Das war es vielleicht, was Steve Jobs meinte, als er sagte, er habe es genossen bei Apple rauszufliegen um wieder von Neuem beginnen zu können.

Ich trete aus der Abfertigungshalle, wechsele meine Euros in die örtlichen Reais und betrete die Wartehalle. Doch nicht nur mein Geld scheint wie ausgewechselt. Auch meine Unsicherheit ist plötzlich wie verpufft.

Tapetenwechsel. Neu. Anders. Aufregend. Komisch. Tausende von Informationen und Gedanken schießen mir durch den Kopf als ich langsam die Treppe vom sterilen Zollbereich in die von Lebensfreude infizierte, bunte Welt hinaufsteige. Viele Eindrücke habe ich nicht festhalten können oder nur oberflächlich abgespeichert. Doch was ich noch weiß ist, dass ich froh war, wieder auf Abenteuerreise zu sein.

Schließlich ging dann mein Flug von Salvador nach Fortaleza im Nordosten Brasiliens. Etwa eine Stunde war ich unterwegs. Neben mir saß diesmal eine ältere Dame, die sich sehr für mich zu interessieren schien. Also entschied ich mich, möglichst viel über mich zu erzählen, um möglichst wenig Fragen beantworten zu müssen, die ich vermutlich nicht verstehen würde. Reden kann ich nämlich immer noch besser als Zuhören. Zumindest auf Portugiesisch. Meine Strategie schien aufzugehen und ich wurde mehrmals liebevoll am Handgelenk gepackt und mit Bonbons bedacht.

Auch das hat mir in Deutschland sehr gefehlt: Die menschliche Nähe. Sicherlich ist auch diese in Deutschland keine Mangelware. Aber in Lateinamerika wird einfach mehr und intensiver miteinander interagiert. Wie ich bisher festgestellt habe, ist dies in Brasilien noch weitaus ausgeprägter als in Paraguay, wo ich ebenfalls ein Jahr wohnte.

In Fortaleza wurde ich von vier Jungs meiner Austauschorganisation, AIESEC, abgeholt. Einer von ihnen war so freundlich mich die Nacht über bei seiner Familie schlafen zu lassen. Zunächst ging es aber noch zu seinem Vater, wo mir die brasilianische Gastfreundlichkeit in Form von Limonade, Pizza und Geschichten nähergebracht wurde. Kaum fünf Stunden im Land, schon hatte ich mindestens vier mal versprochen, auf jeden Fall bald wieder nach Fortaleza zurückzukehren. Mein eigentliches Ziel, Sao Luís, lag noch eine 20-stündige Busfahrt entfernt.

Im Nachtquartier angekommen, gehe ich erst mal duschen. Es gibt nur kaltes Wasser. Zunächst ein kleiner Schock, der mich an Ähnliches im paraguayischen Winter erinnert, als ich bei 5 Grad Celsius duschen musste. Doch dann merke ich: Gott sei Dank ist das Wasser schön kalt. Denn unter 23 Grad fällt das Thermometer in Fortaleza eigentlich nie. Das ganze Jahr über. Ich lache über meine Ignoranz und lege mich danach ins Bett, wo ich nach einer langen Reise sofort in Morpheus' Arme falle. Morgens wache ich auf und stelle fest, dass es angenehme 25 Grad hat und ich erst mal frisch gepressten Saft vor der Nase habe. Hergestellt aus einer Frucht namens Cajá, von der ich noch nie gehört habe. Gostoso - lecker! Mein Gastgeber Lucas kümmert sich rührend um mich und fährt sogar mit mir und seinem Vater an den Strand, um mir eine ganz besondere Köstlichkeit zu kredenzen: Agua de Coco - Kokosnusswasser. Frisch vom Baum wird die Kokosnuss in Eis gekühlt und dann mit einer Machete geöffnet. Strohhalm rein und fertig ist das beste Getränk, das ich seit langem getrunken habe.

Auf dem Rückweg kaufen wir mein Busticket nach Sao Luís. Besser gesagt, ich kaufe es. Lucas will, dass ich es selbst versuche und lerne. Nach kurzem Schock stellt sich das aber als sehr leicht heraus. Ich danke ihm für die Voraussicht, hole meine Koffer aus dem Auto und fahre los.

Die Überfahrt war eigentlich sehr langweilig. Und kalt. Ironischerweise brauchte ich dank Klimaanlage einen Pulli, um bei den gefühlten -20 Grad nicht zu erfrieren. Bei den häufigen Pausen musste ich ihn dann immer wieder ausziehen, weil die heiße Luft schnell wieder durch die geöffnete Türe hereinkam.

Nach langer Busfahrt kam ich dann aber endlich in Sao Luís im Bundesstaat Maranhao an. Seit Monaten war mein Empfangskomitee geplant und ich freute mich schon sehr. Doch dann kam alles anders. Kurz vor Fahrtende war ich noch mal auf der Toilette, bekam dann die Tür nicht auf. Als sie sich schließlich öffnete, war der Bus leer und auch draußen war nur noch mein Koffer zu sehen. Ich war wieder allein an einem fremden Ort. Ohne Adresse, Telefon oder Internet...

4 Kommentare:

  1. hi jan.
    schön, dass du wieder schreibst!
    aber scheiße, weil ich jetzt wieder richtig fernweh habe.

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  2. Ach was, du hast dich im Klo eingeschlossen? Oh Mann, Jan! :D
    Naja, aber du scheinst ja noch angekommen zu sein...
    Grüße,
    Johannes

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